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25.01.2019

Viktoria-von-Butler-Stiftung gedenkt Opfer des Nationalsozialismus

Stiftungsvorstand der Viktoria-von-Butler-Stiftung, Markus Holl, bei der Eröffnung der Quiltausstellung "Schönbrunn als Teil des 'Project 70273'".

Bei einer Gedenkstunde verbunden mit einer feierlichen Kranzniederlegung und einer anschließenden Ausstellungseröffnung wurde in Schönbrunn im Landkreis Dachau der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Im Zentrum der diesjährigen Gedenkveranstaltung standen die 207 Schönbrunner Bürgerinnen und Bürger, die nachweislich zwischen Januar 1940 und August 1941 dem Euthanasieprogramms zum Opfer gefallen waren und in der Ausstellung in Form von jeweils zwei roten Kreuzen auf Quilts sichtbar sind.

Der Dachauer Verein artTextil e.V. hat sieben Quilts angefertigt, die aus 207 einzelnen Textilblöcken genäht wurden. Der Verein hat diese als Beitrag zu dem internationalen "Project 70273" der Amerikanerin Jeanne Hewell-Chambers angefertigt hat. Hewell-Chambers initiierte das Projekt, nachdem sie vom Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten und den dabei 70273 umgekommenen Menschen erfahren hatte. Die Idee ist, dass für jeden getöteten Menschen ein individuell gestalteter Textilblock mit zwei roten Kreuzen angefertigt wird. Diese sollen zu einer großen Ausstellung zusammengeführt werden. Die Größe der einzelnen Blöcke entspricht der genormten Größe der Aktendeckel, die es für jede Person in Heil- und Pflegeanstalten gab: 9 x 16,5cm, 16,5 x 24,2cm oder 24,2 x 31.8cm.

Bei der Ausstellungseröffnung hat Markus Holl, Vorstandsmitglied der Viktoria-von-Butler-Stiftung, einen Blick hinter diese Aktendeckel geworfen, indem er Friedrich Mennecke, als Arzt Gutachter des T4-Programms, und den stellvertretenden ärztlichen Leiter der NS-Tötungsanstalt Hartheim, Georg Renno, zitierte und damit die lebensverachtende und grausame Strategie des Nazi-Regimes verdeutlichte. Er forderte die Anwesenden auf, sich selber die Frage zu stellen, wo wir über Menschen hinwegsehen würden, weil "wir uns eingerichtet haben in unserer Behaglichkeit, in unserem Perfektionismus, auf den wir so stolz sind". Die Quilts würden uns auffordern, hinter die Aktendeckel zu blicken: "Die Quilts sagen 'Stopp' zu jeglicher menschenmissachtender Kraft. Sie halten uns vor Augen, dass wir auch im Heute unser Leben bewusst und aufmerksam führen müssen."

Zuvor appellierte die 2. Bürgermeisterin von Röhrmoos, Andrea Leitenstorfer, bei der Kranzniederlegung vor dem Schönbrunner Mahnmal für Frieden: "Zivilcourage ist das Lebenszeichen einer funktionierenden Gesellschaft. Wir können den Frieden nur bewahren, wenn wir aktiv für ihn eintreten." Das gilt für Leitenstorfer in der Weltpolitik genauso wie im Rahmen des täglichen Lebens.

 

Die Ansprache von Markus Holl zur Ausstellungseröffnung im Wortlaut:

"Mit Bouhler Frage der stillschweigenden Liquidierung von Geisteskranken besprochen. 40.000 sind weg, 60.000 müssen noch weg. Das ist eine harte, aber auch notwendige Arbeit. Und sie muss jetzt getan werden. Bouhler ist der rechte Mann dazu." - Dieses Zitat stammt aus dem Tagebucheintrag vom 31. Januar 1941 des Joseph Goebbels. Goebbels, der Propagandaminister der Nationalsozialisten, nennt die lebensverachtende und grausame Strategie seines Regimes zumindest beim Namen. Üblicher ist, dass die Vernichtungsmaschinerie verschleiert und verharmlost, ja sogar als unausweichlich und notwendig beschrieben wird. Ein Beispiel dieser Verschleierung ist das Programm T4 und die daraus abgeleitete "Sonderbehandlung 14f13". Sie organisierte die Selektion und Tötung von Menschen, die als "kranke, irre, nutzlose Esser" tituliert und verunglimpft wurden. Der Massenmord wird als Kranken- und Euthanasieprogramm verschleiert - Euthanasie heißt wörtlich übersetzt "guter Tod". Und den Angehörigen wird in einem Beileidsschreiben von der "Erlösung" für den oder die Ermordete geheuchelt.

Das Ausradieren von Leben wurde planmäßig organisiert, schön geordnet zwischen Aktendeckeln im DIN-Format. Pseudountersuchungen von Gutachtern und Ärzten wurden akribisch dokumentiert, mit zwei Kreuzen auf dem Aktendeckel war das Todesurteil des Einzelnen auch formal besiegelt. Diese Akribie, Ordnungswut und Pseudo-Objektivität wird uns hier in der Ausstellung eindrücklich vor Augen geführt.

In der Größe der jeweiligen Aktendeckel - genormt und in drei Größen vorgegeben - ist jeweils ein Stoffrechteck mit zwei Kreuzen bestickt. Ausgehend von einer Idee der amerikanischen Künstlerin Jeanne HewelI-Chambers wurden und werden weltweit 70.273 solcher Stoffe gefertigt und zu Teppichen zusammengefügt. 70.273 - sie stehen für jeden einzelnen Menschen, der dem T4-Programm zum Opfer fiel.

Der Verein artTextil in Dachau hat es übernommen, der offiziell bestätigten Opfer des Programms aus der Anstalt Schönbrunn zu gedenken und hat die Blocks für diese 207 Opfer in sieben Teppichen, sog. Quilts, zusammengefügt. Dafür an dieser Stelle mein ausdrücklicher Dank, dass wir hier in Schönbrunn diese Quilts ausstellen dürfen! Blutrot springen uns die Kreuze an, doch keines gleicht dem anderen, individuell wie die Menschen, für die sie stehen.

Ich möchte den Versuch unternehmen, mit Ihnen einen Blick hinter die Aktendeckel zu werfen. Friedrich Mennecke, als Arzt Gutachter des T4-Programms und der Aktion "14f13" beschreibt am 25.11.1941 in einem Brief an seine Frau seine Aufgabe. "Zunächst gab es noch 40 Bögen fertig auszufüllen von einer 1. Portion Arier, an der schon die beiden anderen Kollegen gestern gearbeitet hatten. Von diesen 40 bearbeitete ich etwa 15. Anschließend erfolgte dann die 'Untersuchung' der Patienten, d.h. eine Vorstellung des Einzelnen u. Vergleich der aus den Akten entnommenen Eintragungen. Hiermit wurden wir bis Mittag noch nicht fertig, denn die beiden Kollegen haben gestern nur theoretisch gearbeitet, so daß ich diejenigen 'nachuntersuchte', die Schmalenbach u. ich selbst vorbereitet hatten. Um 12.00 h machten wir erst Mittagspause. Danach untersuchten wir noch bis gegen 16.00 h, und zwar ich 105 Patienten, Müller 78 Patienten, so dass damit endgültig als 1. Rate 183 Bögen fertig waren.
Als 2. Portion folgten nun insgesamt 1.200 Juden, die sämtlich nicht erst 'untersucht' werden, sondern bei denen es genügt, die Verhaftungsgründe (oft sehr umfangreich!) aus der Akte zu entnehmen u. auf die Bögen zu übertragen. Es ist also eine rein theoretische Arbeit, die uns bis Montag einschließlich ganz bestimmt in Anspruch nimmt, vielleicht sogar noch länger. Von dieser 2. Portion (Juden) haben wir darum heute noch gemacht: ich 17, Müller 15. Punkt 17 h warfen wir die Stifte weg und gingen zum Abendessen. So wie ich oben nun den heutigen Tag geschildert habe, werden auch die nächsten Tage verlaufen - mit genau demselben Programm und derselben Arbeit. Nach den Juden folgen noch etwa 300 Arier als 3. Portion, die wieder 'untersucht' werden müssen."

Kurz zuvor am 20.11.1941 hatte er seiner Frau freudestrahlend berichtet: "Die Arbeit flutscht nur so, weil ja die Köpfe jeweils schon getippt sind und ich nur die Diagnose, Hauptsymptome etc. einschreibe. Dr. Sonntag sitzt dabei u. macht mir die Angaben über das Verhalten im Lager, ein Scharführer holt mir die Patienten herein - es klappt tadellos. Ich esse im Lager; heute mittag gab's im Kasino Linsensuppe mit Speckeinlage, als Nachtisch Omelett. Um 17 h machte ich Schluß, aß im Kasino wieder zu Abend: 3 Sorten Wurst, Butter, Brot, Bier. Anschließend wurde ich ins Hotel gefahren, auch heute morgen um 8.30 h abgeholt. Ich lasse mich morgens jetzt immer um 9 h abholen. Von 13 - 14.30 h ist Mittagspause, heute nach dem Essen gab's einen Verdauungsspaziergang mit Dr. Sonntag, die Viehställe wurden besichtigt. In meinem Bett schlafe ich herrlich, es ist ähnlich so wie zu Hause. Hoffentlich geht's Dir genau so gut wie mir; ich fühle mich tadellos!"

Auf eine andere Art unfassbar abgebrüht, kaltblütig und dienstbeflissen-euphorisiert sind Aussagen und Handlungen des stellv. ärztlichen Leiters der NS-Tötungsanstalt Hartheim, Georg Renno, dokumentiert. In Schloss Hartheim wurden zwischen 1941 und 1944 196 Frauen und Männer der Anstalt Schönbrunn umgebracht.
1967 wurde gegen den zuvor unter falschem Namen untergetauchten Georg Renno Anklage wegen Mordes erhoben. Als er nach Personen befragt wurde, die ihn in die Technik des Tötens eingewiesen hätten, entgegnete er: "Den Gashahn aufzudrehen war ja auch keine große Sache. Umschweifiger Unterweisungen bedurfte es nicht." Bei Vergasungen zu Demonstrationszwecken, z.B. bei Besuchen von Reichsinnenminister Frick, Reichsärzteführer Conti und eines Gauleiters, ließ er es sich nicht nehmen, höchstpersönlich am Gashahn zu stehen. Und vor Gästen, wie dem Leiter der "Aktion T4" Werner Heyde und seinem Stellvertreter Professor Nitsche, spielte er auch gern auf der Flöte Werke von Mozart und Bach. Vielleicht ein abendliches Schlosskonzert also, während gleichzeitig die zwischen 9 und 17 Uhr hingerichteten Menschen in den Öfen verbrannt wurden?

Natürlich ist die skizzierte Vernichtungsmaschinerie unvergleichlich. Und trotzdem muss die Frage erlaubt sein, wo sehen wir über Menschen hinweg - vor unserer Tür, aber auch tausende Kilometer entfernt - weil wir uns eingerichtet haben in unserer Behaglichkeit, die niemand und nichts stören darf, eingerichtet haben in unserer Effizienz, für die uns andere auf die Schulter klopfen, unserem Perfektionismus, auf den wir so stolz sind? Wo vergessen wir den Menschen vor lauter Dienstbeflissenheit und blinder Freude darüber, dass die Arbeit "nur so flutscht"? Wo degradieren wir den Menschen nur noch zum Objekt?

Diese Quilts fordern uns auf, hinter die Aktendeckel zu blicken und unser eigenes Tun zu hinterfragen. Diese Quilts sagen "Stopp!" zu jeglicher menschenmissachtender Kraft. Diese Quilts halten uns kunstvoll vor Augen, dass wir auch im Heute unser Leben bewusst und aufmerksam führen müssen - und die Taten des nationalsozialistischen Systems eben kein "Vogelschiss in der deutschen Historie" sind. Ich wünsche der Ausstellung viele interessierte Besucherinnen und Besucher; den Besucherinnen und Besuchern wünsche ich Anstöße zum persönlichen Innenhalten.