Personenzentriertes Denken

Die UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) gibt uns unsere Arbeitsweise vor. Zentrales Thema der UN-BRK ist: Nicht der Mensch mit Behinderung muss sich anpassen, um „dabei“ sein zu können, sondern wir müssen Mittel und Wege finden, dass der Mensch mit Behinderung am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann. Eine wesentliche Voraussetzung dafür ist die Grundhaltung des Personenzentrierten Denkens (PZD).

Personenzentriert zu arbeiten heißt, andere Menschen in ihrer ganz persönlichen Eigenart ernst zu nehmen, zu versuchen, ihre Ausdrucksweise zu verstehen und sie dabei zu unterstützen, eigene Wege zu finden, um – innerhalb ihrer begrenzten Möglichkeiten – angemessen mit der Realität umzugehen. Personenzentriert zu arbeiten heißt, mit den betroffenen Personen und nicht für sie Probleme zu lösen, Projekte zu entwickeln, Entscheidungen zu treffen; es heißt, ihre unterschiedlichen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Ansichten zu berücksichtigen und einzubeziehen und ihnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten Selbstverantwortung zuzutrauen.

Hinter PZD steht ein humanistisches Menschenbild, das in jedem Menschen eine eigenständige, in sich wertvolle Persönlichkeit sieht und die Verschiedenartigkeit der Menschen respektiert. Diese Sichtweise geht von der Annahme aus, dass jeder Mensch grundsätzlich auf Wachstum und Selbstaktualisierung ausgerichtet ist und ganz eigene Fähigkeiten zu Veränderung und Problemlösung in sich hat.

Grundsätzlich wissen nicht wir, was für andere Menschen gut ist, sondern sie selber. Jeder Mensch muss ernst genommen werden in seiner ganz eigenen Art und Ausdrucksweise, selbst wenn sie zunächst unverständlich erscheint. Hierfür ist eine personenzentrierte Haltung notwendig. Sie ist Voraussetzung für personenzentriertes Arbeiten und beinhaltet die drei Komponenten:

Empathie

Empathie ist die Fähigkeit, das Erleben und die Gefühle des Gegenübers genau und sensibel zu erfassen, sich in seinen inneren und äußeren Bezugsrahmen so einzufühlen, als ob man der andere wäre, und dennoch nie außer Acht zu lassen, dass man nicht der Andere ist.

Wertschätzung

Wertschätzung, nicht wertendes Akzeptieren bedeutet, dass man sein Gegenüber ohne zu werten akzeptiert, als ganze Person, so wie sie im Augenblick ist, mit all seinen Schwierigkeiten und Möglichkeiten.

Kongruenz

Kongruenz heißt, dass einem sein eigenes Erleben bewusst ist und es trennen kann von dem, was man beim Gegenüber wahrnimmt. Man begegnet anderen Menschen als Person, nicht als jemand, der eine Rolle (z.B. des/der Mitarbeitenden) einnimmt. Das erfordert, seine Gefühle, Impulse und Eindrücke zuzulassen und zu akzeptieren, aber nicht, dass man sie dem anderen Menschen ungefiltert zurückgibt. Man muss abschätzen können, wann es sinnvol ist, seine Gefühle mitzuteilen, und wann nicht. Kongruenz bedeutet auch, dass die Rahmenbedingungen in der jeweiligen Situation klar und für alle Beteiligten durchschaubar sind.

PZD in der Praxis

In der Praxis versuchen wir, genau „Hinzusehen“, „Hinzuhören“ und „Miteinander ins Gespräch zu kommen“. Es geht darum, das Gegenüber genau kennen zu lernen, damit wir herausfinden, was der Person wichtig ist und was für sie wichtig ist, damit es ihr gut geht und sie ihre Fähigkeiten entfalten kann. Der Wertschätzungsstern nach John O`Brien (2011) mit seinen fünf „Wertschätzenden Erfahrungen“ bildet für jeden Menschen die Grundlage der Zugehörigkeit in der Gesellschaft. Wir arbeiten täglich daran, den Bewohnerinnen und Bewohnern im Franziskuswerk darin zu unterstützen.

Der Wertschätzungsstern mit seinen fünf wertschätzenden Erfahrungen.

Jeder Mensch, der im Franziskuswerk Schönbrunn lebt, kann:

  • einmal jährlich eine kleine persönliche Lagebesprechung durchführen, in der er seine Wünsche und Ziele benennt. Bei der Umsetzung wird er unterstützt.
  • sofern der Wunsch besteht, eine persönliche Zukunftsplanung durchführen.

Sowohl bei der persönlichen Lagebesprechung als auch bei der persönlichen Zukunftsplanung werden die Stärken und Fähigkeiten der Person gemeinsam mit der Person erfasst.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Franziskuswerks sind und werden geschult

  • in der Haltung und in Methoden des personenzentrierten Denkens und Arbeitens
  • zusätzlich sind einige Mitarbeiter*innen und Bewohner*innen ausgebildet  als Moderator*innen, Botschafter*innen und Unterstützer*innen der Persönlichen Zukunftsplanung (siehe unten).

Trotz vorhandener Rahmenbedingen, die wir nicht ändern können, versucht jeder Mitarbeitende mit einer größtmöglichen Offenheit jeden einzelnen Menschen mit Behinderung auf seinem individuellen Lebensweg zu unterstützen. Dabei gelingt es immer wieder, auch Rahmenbedingungen zu erweitern.

Ansatz Persönliche Zukunftsplanung PZP

Persönliche Zukunftsplanung ist ein wegweisendes Konzept, eine Einstellung und Denkweise sowie eine Sammlung verschiedenster Methoden und Moderations-Verfahren, um mit Menschen über ihre Zukunft nachzudenken. Es geht darum, eine Vorstellung von einer guten Zukunft zu entwickeln, Ziele zu setzen und diese mit anderen Menschen Schritt für Schritt umzusetzen.

Persönliche Zukunftsplanung bietet vielfältige methodische Möglichkeiten, um Veränderungen im Leben einer Person oder einer Gruppe (zum Beispiel Familie, Team, Projekt) zu planen und Unterstützung für diesen Prozess zu organisieren bzw. passende Unterstützungsmöglichkeiten zu schaffen, wenn diese noch nicht vorhanden sind.

Es geht bei Persönlicher Zukunftsplanung insbesondere auch darum, Menschen zu stärken, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen – verbunden mit der Frage, welche Rolle(n) eine Person in der Gesellschaft einnehmen möchte.

Persönliche Zukunftsplanung steht in enger Verbindung mit Sozialraumorientierung. In den Zukunftsplanungs-Prozessen geht es darum, Möglichkeiten vor Ort zu erkunden, an denen die Person teilhaben, ihre Gaben einbringen und Beziehungen knüpfen kann.

Die durch Personen-Zentrierung und Persönliche Zukunftsplanung angestoßenen Prozesse bewirken häufig nicht nur Veränderungen auf der Ebene der Person, sondern darüber hinaus auch auf der Ebene von Diensten und Organisationen sowie des Gemeinwesens.

Das Franziskuswerk Schönbrunn ist Gründungsmitglied im deutschsprachigen Netzwerk Persönliche Zukunftsplanung. Das Netzwerk stellt einen Animationsfilm zur Verfügung, in dem Persönliche Zukunftsplanung erklärt wird. Der Film wurde erstellt von Sarah Roloff mit Beratung von Céline Müller, Sina Arlt und Björn Abramsen von Wunschwege (Leben mit Behinderung Hamburg).

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