Aufarbeitung von Leid und Unrecht von Kindern und Jugendlichen

Leid und Unrecht

Aufarbeitung von Leid und Unrecht von Kindern und Jugendlichen in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Psychiatrie in den Jahren 1949 – 1975 (ehemalige BRD) und 1949 – 1990 (ehemalige DDR)

Die Stiftung Anerkennung &Hilfe

Die Stiftung Anerkennung & Hilfe wurde vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gemeinsam mit Ländern und Kirchen für Menschen gegründet, die als Kinder und Jugendliche in der Zeit von 1949 bis 1975 in der Bundesrepublik bzw. von 1949 bis 1990 in der DDR in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Psychiatrie Leid und Unrecht erfahren haben in Form von körperlicher, seelischer oder sexualisierter Gewalt, mangelnder Versorgung, Verweigerung einer Schul- bzw. Berufsausbildung, Kinderarbeit oder Arbeit ohne Entlohnung. Ziel der Stiftung ist die öffentliche Anerkennung, die Anerkennung durch wissenschaftliche Aufarbeitung der Leid- und Unrechtserfahrungen sowie die individuelle Anerkennung und Unterstützung durch finanzielle Hilfe.

Die Stiftung wurde zum 1. Januar 2017 gegründet und läuft voraussichtlich bis Ende Dezember 2022. Personen, die während ihrer Unterbringung in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe oder Psychiatrie individuelles Leid und Unrecht erfahren haben und heute noch unter daraus resultierenden Folgewirkungen leiden und/oder Personen, die zwischen dem vollendeten 14. Lebensjahr und dem vollendeten 18. bzw. 21. Lebensjahr in der bzw. für die Einrichtung gearbeitet haben ohne dass für sie Sozialversicherungsbeiträge gezahlt wurden, konnten sich bis Ende Juni 2021 anmelden. Folgewirkungen können körperliche Schäden, Schlafstörungen, Depressionen oder Traumatisierungen sein, Verbitterungs- und Hassgefühle, aber auch eine mangelhafte Schulbildung, fehlende Förderung oder eine frühzeitige Erwerbsunfähigkeit. Betroffene erhalten eine Geldpauschale von 9000 Euro und, sofern zutreffend, eine einmalige Rentenersatzleistung in Höhe von 5000 Euro bzw. 3000 Euro abhängig von der Dauer der Beschäftigung.

Nach einer Schätzung des BMAS zum Start der Stiftung könnten bundesweit rund 97.000 Personen anspruchsberechtigt sein.

Aufarbeitung im Franziskuswerk Schönbrunn

Die beiden Geschäftsführer des Franziskuswerks, Michaela Streich und Markus Holl, beauftragten Gertraud Martin, die Leiterin des Geschäftsbereichs Kinder und Jugend von 2003 – 2018, mit der Aufarbeitung und Unterstützung von im Franziskuswerk betroffenen Personen. Gertraud Martin arbeitete mit der Kontakt- und Beratungsstelleder Stiftung Anerkennung & Hilfe zusammen und informierte von 2018 bis 2021 über 200 Menschen mit Behinderung bzw. deren gesetzliche Vertretungen über die Stiftung. Sie studierte systematisch alle Akten von Bewohnerinnen und Bewohnern, die zum fraglichen Zeitpunkt als Kinder und Jugendliche im Franziskuswerk gelebt haben, und stellte dabei fest, dass nach den Kriterien der Stiftung Anerkennung und Hilfe im Prinzip jede und jeder in irgendeiner Weise betroffen war. Mit vielen der betroffenen Personen führte sie persönliche Gespräche und alle Betroffenen unterstützte sie bei der Antragstellung bzw. führte die Antragstellung stellvertretend (in Absprache mit den jeweils gesetzlichen Betreuern) durch.

Zusätzlich dokumentierte sie im Rahmen von Biografiearbeit die Lebensleistung der inzwischen betagten Bewohnerinnen und Bewohner – um ein Zeitbild zu erstellen und die Gesellschaft und die Einrichtung zu dieser Zeit zu beschreiben.

Als Konsequenz der Aufarbeitung trug das Franziskuswerk aktiv dazu bei, dass Menschen mit Behinderung, die als Minderjährige gravierende Benachteiligungen erfahren haben, jetzt Anerkennung erfuhren. Dabei ging es nicht darum, anzuklagen und Schuldige zu benennen, sondern vor allem auch zu sensibilisieren und eine gute Kultur der laufenden Reflexion und des Feedbacks in der professionellen Begleitung behinderter Menschen zu pflegen und fachliche Erkenntnisse und Standards zu sichern.

Für das Franziskuswerk sind die Ergebnisse Ansporn, weiter daran zu arbeiten, die Opfer nicht zu vergessen und eine lebendige Erinnerungskultur zu pflegen. Deshalb war es der Geschäftsführung des Franziskuswerks auch ein Anliegen, sich zu öffnen für die wissenschaftliche Aufarbeitung.

Forschungsergebnisse der wissenschaftlichen Aufarbeitung

Die Arbeit der Stiftung wurde von einem Forschungsprojekt begleitet. Die Forschungsgruppe war fachübergreifend organisiert mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Bereichen Medizingeschichte, Medizinethik, Geschichte, Ethik und Pädagogik und untersuchte die Unterbringungssituation von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen der Behindertenhilfe und Psychiatrie in der BRD (1949 – 1975) und der DDR (1949 – 1990).

Ziel war es, die Leid- und Unrechtserfahrungen deutschlandweit intensiv zu beleuchten und zu erfassen sowie Art und Umfang der Geschehnisse nachvollziehbar zu machen. Damit wurde ein wesentlicher Beitrag zur Bewältigung und Aufarbeitung des Erlebten auch in der Gesellschaft geleistet; das erlebte Leid und Unrecht wurde öffentlich sichtbar gemacht. Die Missstände der Vergangenheit sollten nicht nur aufgedeckt, sondern es sollten auch Lehren für die Zukunft gezogen werden.

Das Ergebnis wurde im Oktober 2021 im Rahmen einer digitalen Veranstaltung der Öffentlichkeit präsentiert. Zur Veranschaulichung wurde ein Video gedreht, zu dem das Franziskuswerk Schönbrunn als eine von vier beteiligten Einrichtungen Statements zur Motivation und Umsetzung beigesteuert hat. Gerne lesen Sie hier den ausführlichen Forschungsbericht, seine Kurzfassung oder die Ausgabe in Leichter Sprache.

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